Augspurg-Heymann-Preis 2014 geht an Dr. Maria Beckermann

Augspurg-Heymann-Preisverleihung der LAG Lesben in NRW e.V. 

Dr. Maria Beckermann

Presseinformationen

Zum sechsten Mal ehrt die LAG Lesben in NRW am 18. Mai 2014 in Bochum eine besonders couragierte lesbische Frau mit dem Augspurg-Heymann-Preis (heute CouLe-Preis). In diesem Jahr geht der Preis an Frau Dr. Maria Beckermann, Ärztin und Sexualtherapeutin aus Köln. Frau Dr. Beckermann hat beruflich und als Mitbegründerin der Frauenberatungsstelle FrauenLeben viel für die Widerstandskraft, Energie und körperliche sowie psychische Gesundheit von Lesben geleistet. Anstatt Frauen und Lesben zu medikalisieren, trägt sie in besonderem Maß zu Strukturen bei, die sie stärken und fördern – u. a. im Rahmen der Erstellung des Frauengesundheitsberichts 2000 und ihrer Expertise zum Themenfeld Kinderwunsch lesbischer Frauen. Die Verleihung des Augspurg-Heymann-Preises für couragierte Lesben wird in diesem Jahr die Abschlussveranstaltung der Hirschfeld-Tage 2014 sein. Die Hirschfeld-Tage erinnern an den Sexualforscher und Arzt Magnus Hirschfeld (1868-1935) und die Schriftstellerin und Sexualreformerin Johanna Elberskirchen (1864-1943).

Die Preisträgerin 2014

Frau Dr. Beckermann war von 1984 bis 2010 niedergelassene Frauenärztin in Köln in gynäkologischer Gemeinschaftspraxis mit psychosomatischem und psychoonkologischem Schwerpunkt. Seit 2010 lehrt sie ärztliche Weiterbildung am Universitätsklinikum Bonn und am Peking Union Medical College Hospital. Sie ist Vorsitzende des AK Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. und gehört dem Netzwerk Charlotte e. V. an, der bundesweiten Vereinigung lesbischer Ärztinnen. Sie arbeitet frei mit u. a. der Stiftung Warentest zusammen. 1981 wurde sie Mitbegründerin der Frauenberatungsstelle FrauenLeben (www.frauenleben.org). Sie positioniert sich klar als Feministin. Sie lebt mit ihrer Lebensgefährtin und eingetragenen Partnerin Fritzi Wild in Köln. Kontakt: Geschäftsstelle LAG Lesben in NRW e.V., Sonnenstraße 10, 40227 Düsseldorf, Tel.: (0211) 69 10 530 ahp@lesben-nrw.de www.lesben-nrw.de www.augspurg-heymann-preis.de

1. Krankheiten verhindern statt zu medikalisieren

„Mir war von Anfang an klar, wie eng Krankheiten mit psychosozialen Bedingungen zusammenhängen und umgekehrt, Rückwirkungen auf sie haben. Deshalb war es mir wichtig, Frauen darin zu unterstützen, ihre eigenen Bedürfnisse wahr und ernst zu nehmen, und sich selbst dafür einzusetzen, dass sie befriedigt werden. Krankheiten fordern die Selbstfürsorge in besonderem Maße, und ich habe Frauen darin bestärkt. Denn vielen Frauen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sie das Recht haben, sich für die Befriedigung der eigenen Grundbedürfnisse einzusetzen. Ich habe ihnen gesagt, dass sie nicht nur das Recht, sondern die Pflicht haben, gut für sich selbst zu sorgen. Denn diese Aufgabe können sie an niemanden delegieren, auch nicht an die Ärztin. Umgekehrt mobilisiert der Ressourcenorientierte Ansatz Selbstheilungskräfte, die manche medikamentöse Behandlungen überflüssig machen. Dass ich den Medikalisierungswellen, die durch das Land gingen und immer wieder gehen, nicht zum Opfer gefallen bin, verdanke ich auch den Kolleginnen im AKF (Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V.) … Nur mit ihrer Unterstützung konnte ich mich auch öffentlich als Kritikerin unnötiger Hormonbehandlungen exponieren. Ich konnte die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatik in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) bei der Entwicklung der S3-Leitlinie zur Hormontherapie in und nach den Wechseljahren vertreten. Dadurch konnte ich auch strukturell einer Medikalisierung entgegenwirken.“

2. Ist eine feministische Grundhaltung als Ärztin den Patientinnen wichtig?

„Als ich 1984 meine erste Praxis übernahm, war es noch eine Ausnahmeerscheinung, dass Frauenärztinnen feministisch waren. In meinem Wartezimmer lag die Courage, und Unser Körper unser Leben war der Renner unter den geklauten Büchern. Meine Patientinnen fanden das offensichtlich ganz toll. Sicher gab es auch welche, die nicht zu einer feministischen Ärztin gehen wollten. Aber mein Terminkalender war so voll belegt, dass ich es mir leisten konnte, Flagge zu zeigen. Ich musste die Patientinnenannahme während der gesamten 25 Praxisjahre begrenzen. Ich war ja Teil der Frauengesundheitsbewegung, habe in Frauenbuchläden und Fraueneinrichtungen Vorträge gehalten, aber auch umgekehrt sehr viel Fachwissen daraus bezogen. Angefangen von Grundlagenwerken wie Unser Körper Unser Leben … oder der Zeitschrift Clio vom FFGZ Berlin, die ich heute noch beziehe, gab es nur dort das Wissen über Verhütung mit dem Diaphragma und der Zervixkappe, Rezepturen über spermizide Gels ohne die schädlichen chemischen Substanzen und kritische Informationen zu Hormonen. Traditionelle Frauenärzt_innen hatten damals gar keinen Zugang zu diesem Wissen. Das war auch einer der Gründe, warum ich in den 1990er-Jahren über den AKF Frauengesundheit eine Gruppe feministischer Frauenärztinnen zusammengetrommelt habe, um ein Fachbuch der Frauen-Heilkunde und Geburts-Hilfe zu schreiben und herauszugeben. Es reprä- sentiert die Sicht von Frauen und beschreibt erstmalig, wie wir in der Gynäkologie mit vergewaltigten und traumatisierten Frauen umzugehen haben, wie schonende Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden und dass Screeningprogramme einen hohen Preis haben, nicht im ökonomischen Sinne, sondern gemeint als schädliche Auswirkungen durch Fehlalarm und Überbehandlung …: Frauen-Heilkunde und Geburts-Hilfe, Hg. Maria Beckermann und Friederike Perl.“ Kontakt: Geschäftsstelle LAG Lesben in NRW e.V., Sonnenstraße 10, 40227 Düsseldorf, Tel.: (0211) 69 10 530 ahp@lesben-nrw.de www.lesben-nrw.de www.augspurg-heymann-preis.de

3. Warum eine spezielle Gesundheitsversorgung für Lesben?

„Da gibt es zwei Aspekte. Das eine ist die Unsichtbarkeit von Lesben. Damit meine ich, dass Lesben im Medizinbetrieb selten als solche wahrgenommen werden. Es wird immer automatisch von einem heterosexuellen Lebensstil ausgegangen. Es heißt denn: ‚Wenn Sie möchten, können Sie Ihren Mann zur Befundbesprechung mitbringen‘. Dieses Angebot schließt erst mal die lesbische Partnerin aus, und die lesbische Patientin muss dann – häufig in einer vulnerablen Situation – entscheiden, ob sie sich aktiv outet … oder ob sie sich versteckt hält, indem sie einfach alleine zur Befundbesprechung geht … Diese Heteronormativität bringt uns Lesben oft in eine Zwickmühle. Das müsste nicht sein, wenn auch andere Lebensstile selbstverständlich mitgedacht würden, z. B. ‚Bringen Sie doch eine Vertrauensperson mit zur Befundbesprechung‘. Dann können wir nämlich davon ausgehen, dass unsere Partnerin auch willkommen ist, was die Situation für uns viel entspannter macht. Wir kennen die Ignoranz bereits als Frauen und haben in der Frauenbewegung dafür gekämpft, dass beispielsweise Stellenanzeigen immer Frauen und Männer ansprechen. Es gibt verschiedene Schreibweisen, die Benachteiligung vermeiden wollen. Aber in den männlich dominierten Institutionen, mit denen ich arbeite, z.B. Stiftung Warentest oder Deutsches Ärzteblatt, wird immer noch unumwunden von den Professoren, den Ärzten, den Autoren gesprochen. Begründet wird das dann damit, dass die männliche Form platzsparender sei. Als Lesben verlangen wir jetzt, dass nicht nur Männer ihr Alleinstellungsmerkmal aufgeben sollen, sondern auch die Heterosexuellen ihres, und Männer und Frauen die Überzeugung, dass es nur das eine oder das andere gibt. … Im zweiten Aspekt geht es um das spezifische Fachwissen in der Gesundheitsversorgung von Lesben. Da gibt es große Wissenslücken, z. B. zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Welche Erreger sind durch welche sexuellen Praktiken übertragbar? Oder in welcher Hinsicht haben Lesben andere Risiken als heterosexuelle Frauen, und wie erklären sie sich? Und schließlich: Welche Behandlungsmethoden stehen Lesben in Deutschland aus ideologischen Gründen nicht zur Verfügung, z. B. reproduktionsmedizinische Behandlungen? Zu diesen Aspekten gibt es immensen Forschungsbedarf und politischen Handlungsbedarf.“

Über den Augspurg-Heymann-Preis

Die LAG Lesben in NRW ist ein Zusammenschluss von fast 50 überwiegend ehrenamtlich engagierten Lesbengruppen und Initiativen, die sich mehr Sichtbarkeit von Lesben im öffentlichen Raum und weniger Diskriminierung von Lesben, Schwulen und anderen Minderheiten zum Ziel gesetzt haben. Um diese Ziele zu erreichen, brauchen wir auch Vorbilder. Deshalb lobt die LAG Lesben in NRW jährlich einen Preis aus, um lesbische Frauen auszuzeichnen, die couragiert im Sinne dieser Ziele öffentlich wirken: den Augspurg-Heymann-Preis. Anita Augspurg und ihre Partnerin Lida Gustava Heymann sind Anfang des 20. Jahrhunderts trotz Verfolgung vehement für die Recht des 20. Jahrhunderts trotz Verfolgung vehement für die Rechte von Frauen eingetreten und haben dabei offen ihre Liebesbeziehung und Frauenfreundschaft gelebt.

Mehr zum Thema

Laudatio Maria Zemp für Maria Beckermann (pdf)
Webseite CouLe – Preis für Couragierte Lesben – verliehen von der LAG Lesben in NRW e.V.
Presseinformation zum Download (pdf)

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