AKF-Projekt: Interviews mit Klinikärztinnen und -ärzten zum Kaiserschnitt: Interview mit Dr. Patricia Van de Vondel

Interview mit Dr. Patricia Van de Vondel
Chefärztin der Frauenklinik
Krankenhaus Porz am Rhein
Urbacher Weg 19
51149 Koeln
Email: p.vandevondel@khporz.de


→ 1700 Geburten pro Jahr, Senkung der Kaiserschnittrate um rund 15 Prozent von 42 Prozent (2007) auf zwischen 25 und 27 Prozent (2017)


Frau Dr. Van de Vondel, welche Kaiserschnittrate haben Sie derzeit? Mit welcher Rate haben Sie Ihre Abteilung übernommen?

Ich habe die Abteilung vor zehn Jahren mit einer Rate von 42 Prozent  übernommen, eine Zahl weit über dem Bundesdurchschnitt. Jetzt liegen wir zwischen 25 und 27 Prozent und wir bemühen uns, die Rate weiter zu senken. Aber nicht die Senkung der Sectiorate für sich ist mein Lebensziel, sondern eine gute Geburtshilfe für die Frauen. Dazu kann unter Umständen auch der Wunschkaiserschnitt gehören. Wenn eine Frau das nach einer eingehenden Aufklärung für sich und ihr Kind will, ist es ihre Entscheidung und wir sollten das akzeptieren und respektieren.

Gab es bestimmte auslösende Faktoren für die Senkung der Kaiserschnittrate an Ihrer Klinik?

Nein. Die Rate änderte sich über eine gelebte geburtshilfliche Praxis. Was ich zum Beispiel sehr schnell eingeführt habe, ist eine Oberarztpräsenz. Das ist ein wichtiger Punkt. Früher musste der Oberarzt oder die Oberärztin zuhause angerufen werden, wenn Schwierigkeiten auftraten. Davon muss man wegkommen, die erfahrenen Ärztinnen und Ärzte gehören in den Kreißsaal. Eine Geburt zu leiten heißt, nicht erst ab vollständig geöffnetem Muttermund im Kreißsaal zu erscheinen, sondern von Anfang an die Geburt zu betreuen. Viele pathologische Verläufe deuten sich frühzeitig an und lassen sich noch abwenden. Fehleinstellungen lassen sich beispielsweise mit bestimmten Übungen und Bewegungen vermeiden.  Wenn ich aber erst spät gerufen werde, habe ich nicht mehr viele Optionen den Geburtsverlauf positiv zu beeinflussen. Die Erfahrenen gehören in den Kreißsaal und zwar Tag und Nacht. Sie zeigen den jungen Kolleginnen und Kollegen, wie man einen pathologischen Verlauf rechtzeitig erkennen und Ideen entwickeln kann, um die Geburt wieder in die Physiologie zurück und zu einem guten Ende zu bringen.

Das klingt einleuchtend. Ließ es sich auch einfach vermitteln?

Teils teils. Man muss zunächst den Geschäftsführer überzeugen. Die Oberarztpräsenz ist ein teures Modell, ist aber eben ein maßgeblicher Faktor, warum wir jetzt weniger Kaiserschnitte haben.

Übrigens heißt Oberarztpräsenz nicht automatisch geburtshilfliche Erfahrung vor Ort! In großen Häusern gibt es die gynäkologischen Subspezialisierungen, was häufig dazu führt, dass Oberarztdienste beispielsweise von Onkologen oder Reproduktionsmedizinern gemacht werden, die weniger Erfahrung mit Geburtshilfe haben. Maßgeblich für gute Geburtshilfe ist aber, dass Geburten nur von dafür qualifizierten Geburtshelferinnen und -helfern begleitet werden. Das senkt die Kaiserschnittrate.

Man kann Geburtshilfe nicht vom Büro aus und nebenbei betreiben.

Was trägt Ihrer Meinung nach außerdem maßgeblich zur Senkung der Kaiserschnittrate bei?

Persönliches Engagement und Lust auf Geburtshilfe. Ich habe meine Ausbildung an der Uni Bonn schon mit dem Ziel begonnen, Geburtshelferin zu werden. Ich hatte in Bonn bei Professor Gembruch schon viel Entscheidungsfreiheit im Kreißsaal und habe versucht, die Geburtshilfe zu individualisieren und nicht starr nach den Leitlinien vorzugehen. Aber ich habe mich, als ich hier Chefärztin wurde, nicht hingestellt und gesagt: Wir machen zu viele Kaiserschnitte, das muss sich ändern. Die Kolleginnen und Kollegen sahen aber, die macht das anders, sie „mischt sich ein“ im Kreißsaal, sie führt Gespräche mit den Frauen und macht Geburtsplanungen. Das gab es vorher nicht. Wir beraten jetzt jede Frau, die sich hier anmeldet, ausführlich. Gibt es Risiken, was muss beachtet werden? Wir sprechen über Geburtsphasen, Schmerzmittel, wie lange es dauern kann etc. Und wir beantworten die Fragen der Schwangeren. So ein Gespräch kann weit über eine Stunde dauern. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir dadurch Vertrauen aufbauen. Die Frauen merken, der Kreißsaal ist kein Gespensterpalast. Wir holen die Frauen da ab, wo sie sind, und schüren keine Ängste. Man merkt auch sehr schnell, was die Frauen wollen. Manche geben gern die Kontrolle und Verantwortung ab und andere sagen, ich bringe mein Kind auf die Welt und ich möchte, dass Sie mir dabei helfen. In einer Stunde lernt man die Frau nicht kennen, aber man bekommt  immerhin einen Anhaltspunkt, wie die Frau ist und was sie will.

Und auch die Frauen lernen Sie und die Klinik kennen und bekommen ein Gefühl, ob das passt?

Ja, eine Geburt ist eine Beziehungs- und Vertrauenssache. Selbstverständlich muss man aber auch Notfallsituationen rechtzeitig erkennen und adäquat handeln, um Schäden abzuwenden. Bei aller Physiologie muss auch die Pathologie erkannt werden. Wir haben ein Notfallmanagement, das ein regelmäßiges Simulationstrainings alle drei Monate einschließt. Das gibt Sicherheit und nimmt den Ärztinnen und Ärzten die Angst vor einem Notfall.

Bei einer Beckenendlage des Feten bieten wir die äußere Wendung an, wenn die Frau sich eine vaginale Entbindung nicht zutraut.  Wenn eine Frau sich vorstellen kann, ein Kind in Beckenendlage normal zu gebären, ist das selbstverständlich auch möglich. Letztendlich müssen die Frauen entscheiden. Aber wir beraten sie ausführlich.

Ist die Zahl der vaginaloperativen Geburten durch die Senkung der Kaiserschnittrate gestiegen?

Nein, wir haben eine Rate von 2,7 Prozent (Bundesdurchschnitt 2016: 6,3 Prozent). Das liegt, glaube ich, einfach daran, dass ich etwas geduldiger bin als andere Kolleginnen und Kollegen und in der Regel eine Idee habe, wie ich eine Geburt positiv beeinflussen kann. Man lernt keine Geburtsmechanik aus Büchern, sondern davon, hunderte Geburten zu betreuen, immer wieder selbst zu untersuchen und den Einfluss verschiedenster Faktoren (z.B. Geburtspositionen) vor Ort im Kreißsaal zu beobachten. Und ich habe mir auch angeschaut, wie es in anderen Ländern gemacht wird, dabei kann man Vieles lernen. Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu merken, dass das CTG letztendlich eine schlechte Überwachungsmethode ist. In 50 Prozent der Fälle ist es falsch positiv und in den zwei Stunden vor der Geburt werden 90 Prozent der CTGs pathologisch. Wenn ich also bei einem schlechten CTG immer eine Sectio oder ein Saugglockenendbindung machen würde, hätten wir eine Rate an operativen Entbindungen von 90 Prozent. Ich war anfangs auch sehr kritisch gegenüber der Mikroblutuntersuchung (MBU). Das war ein Fehler. Bei der MBU wird ein Tropfen Blut aus der Schädelhaut des Babys genommen, was natürlich invasiv ist. Es hilft aber, unnötige Kaiserschnitte zu vermeiden. Wir machen jetzt bei 15 Prozent aller Geburten eine MBU.

Ein wichtiger Punkt ist: Die Geburtshilfe hat eine flache Lernkurve, man muss viele Geburten machen, um Geburten gut beurteilen und gut beenden zu können.

Wie erleben Sie die Frauen heute, eher zuversichtlich oder eher ängstlich?

Die Einstellung der Frauen hat sich in den letzten Jahren enorm gewandelt, weil ihnen Angst vor der Geburt gemacht wird. Sie haben kein positives Gefühl und wollen nur irgendwie durch die Geburt kommen, ohne viele Schmerzen und Anstrengung. Sie schätzen die Geburt als gefährlich ein und viele geben aus Angst vor einem diffusen Risiko die Verantwortung ab. Wenn die Frauen aber die Einstellung haben, dass die Ärztinnen und Ärzte das Kind zur Welt bringen, dann gibt es mehr Komplikationen. Die Frauen müssen wieder lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen.

Wir merken selber, dass nicht wenige Frauen einen Kaiserschnitt wollen, weil ihnen eine Geburt zu anstrengend erscheint. Die Medien erzeugen bestimmte Vorstellungen, wie die Geburt sein soll. Die Frauen kommen beispielsweise aus Angst sehr früh ins Krankenhaus und sind häufig noch in der Latenzphase. Dann dauert es ihnen zu lange und sie werden unzufrieden. Es ist ihnen schwer zu vermitteln, dass die eigentliche Geburt noch nicht begonnen hat und es noch lange dauern kann und die Hebamme nicht permanent da sein kann. 1:1-Betreuung heißt ja nicht, dass die Hebamme permanent neben der Frau sitzt, sondern, dass sie keine weiteren Aufgaben hat, die nichts mit Geburtshilfe zu tun haben. Die gegenwärtigen Ansprüche an die Hebammen sind zu hoch.

Spüren Sie bzw. die Geburtshelferinnen und -helfer selbst auch Druck?

Ja. Zum Beispiel gab es früher keine große Dokumentationspflicht, fünf Sätze reichten. Heute muss man alles lückenlos dokumentieren, das braucht viel Zeit, und zusätzlich steht man unter einem ungeheuren juristischen Druck. Da spielen übrigens die Medien eine hässliche Rolle mit ihrer mittlerweile sehr tendenziösen Berichterstattung, die Helden und Bösewichte sowie Schuldige braucht. Und die Ärzte sind zunehmend die Bösewichte. Das ist nicht gut, denn die Menschen verlieren das Vertrauen, das zum Heilen nötig ist. Ohne Vertrauen kann man nicht gut betreuen und helfen. Ich kenne sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die im Kopf den Anwalt immer dabeihaben. Das schränkt Ihre Handlungsfähigkeit enorm ein. Wir würden viele Entscheidungen anders treffen, wenn das nicht so wäre. Auch für die Frauen ist das eine sehr schlechte Sache. Das heißt nicht, dass  Fehler vertuscht werden sollen, sondern man muss anders damit umgehen. Nicht mit Schlagzeilen im Bildzeitungsstil: „Ärztepfusch – Kind geschädigt“. Damit kommt eine Angst in die Beziehung zwischen Geburtshelferinnen bzw. -helfern und Schwangeren, die keinem dient. Ein Arzt, dem man vertraut, ist ein wichtiges Placebo in der Geburtshilfe, das darf man nicht unterschätzen.

Was muss sich noch ändern, um die Geburtshilfe zu verbessern?

Die Ausbildung. Zunehmend bemerke ich, dass eine neue Generation Geburtshelferinnen und -helfer am Start ist, meine Generation stirbt langsam aus. Die sogenannte Y-Generation arbeitet gern und gut, aber zwischen 7.30 Uhr und 16 Uhr. Ihr Motto ist: Ich habe selber ein Leben. Ich arbeite, um zu leben, und nicht umgekehrt. Die Begeisterung ist oft noch da, aber zeitlich begrenzt. Früher hatte man 24 Stunden Dienst und musste am nächsten Tag arbeiten, das war nicht ok. Die neuen Ärztinnen und Ärzte wollen nach acht Stunden nach Hause. Sie sind nicht bereit, viel unbezahlte Zeit im Kreißsaal zu verbringen. Das ist verständlich und nachvollziehbar. Deshalb muss entweder die Ausbildungszeit verlängert oder die Entscheidung für die Fachrichtung schon in die Ausbildung verlegt werden. Dann hat man nur die Leute im Kreißsaal, die wirklich Geburtshelfer werden wollen. Nicht auch die, die sowieso was anderes machen wollen. Auf alle Fälle muss das Ausbildungscurriculum dringend geändert werden. Wir müssen Arbeitsstrukturen ändern und familienfreundlich werden.

Wo liegt das Hauptproblem?

In der Finanzierung! Wenn beispielsweise der Geschäftsführer sagt, mit Geburtshilfe kann man keinen Gewinn machen, je weniger Kaiserschnitte, desto höher der Verlust. Für eine gute Geburtshilfe brauche ich aber im Kreißsaal erfahrene Ärztinnen und Ärzte, die die jungen ausbilden, und das bedeutet auch: mehr Personal. Es muss rund um die Uhr jemand mit viel Erfahrung da sein, der die Gebärenden begleitet. Sonst muss man sagen, dass die Frauen mit einer erfahrenen Hebamme zuhause sicher besser aufgehoben sind als in der Klinik mit unerfahrenen Ärztinnen, Ärzten und Hebammen. Aber ich will nicht zurück zu Hausgeburtshilfe. Meine Traumvorstellung ist, die Geburtshilfe zu zentralisieren, um mit einem erfahrenen Team viele Geburten zu begleiten. Dabei sollte es innerhalb der großen Klinik kleine Einheiten geben, in denen beispielsweise  zwei Hebammen jeweils zwei Kreißsäle betreuen. Räumlich sollten die Einheiten das Gefühl vermitteln, abgetrennt zu sein und die Intimsphäre zu wahren. Die Frauen sollen sich sicher und aufgehoben fühlen und nicht das Empfinden haben, in einem riesigen Apparat gefangen zu sein. Das hieße, die Vorteile der Hausgeburt in die Klinik zu übertragen, ohne dabei die Sicherheit der Klinik aufzugeben. Die Betreuung müsste personalisiert, das heißt individualisiert werden. Ich bin auch für einen hebammengeleiteten Kreißsaal, er gehört in jede Klinik. Allerdings möchten das meine Hebammen gar nicht. Ihnen ist es lieber, mit Ärztinnen und Ärzten zusammenzuarbeiten und die Verantwortung zu teilen.

Wenn wir die Geburtshilfe zentralisieren, ist das einerseits wirtschaftlicher, andererseits wird die geburtshilfliche Erfahrung schneller weitergegeben, weil die erfahrenen Geburtshelferinnen und -helfer rund um die Uhr anwesend sind. Das lässt sich in vielen kleineren Abteilungen nicht realisieren.

Das Interview wurde geführt von Petra Otto.

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