AKF-Projekt: Interviews mit Klinikärztinnen und -ärzten zum Kaiserschnitt: Interview Dr. med. Katharina Lüdemann

Interview Dr. med. Katharina Lüdemann
Chefärztin Josef-Hospital, Delmenhorst
Perinatalzentrum Level 3
Tel.: 04221 99 4351
info@jh-del.de


→ 870 Geburten pro Jahr, Senkung der Sectio-Rate um fast 10 Prozent von über 30 Prozent auf 22,5 Prozent im Jahr 2017 (2015: 20 Prozent).


Frau Dr. Lüdemann, Sie haben in Ihrer Klinik die Kaiserschnittrate in den letzten Jahren von rund 30 Prozent auf 20 bis 22,5 Prozent gesenkt. Was gab den Ausschlag für diese Entwicklung?

Es gab einige Faktoren. Zum Beispiel beunruhigte mich die steigende Zahl der ungeplanten Kaiserschnitte, die ja immer ein medizinisches Risiko für die Geburt bedeuten. Meines Erachtens steht dahinter oft zu wenig Geduld auf Seiten der Geburtshelferinnen und Geburtshelfer, oft auch fehlendes Vertrauen in die normale Geburt, manchmal auch fehlendes handwerkliches Können, so dass zu schnell mit einer Sectio eingegriffen wird. Ein typischer Mechanismus: Die kindlichen Herztöne sind schlecht, dann fällt – oft hektisch – die Entscheidung zum Kaiserschnitt. Das Kind hat sich aber in der Zwischenzeit wieder erholt und es geht ihm gut nach dem Kaiserschnitt. Dann heißt es: Ein Glück, dass wir den Schnitt gemacht haben! Statt zu sagen: Dem Kind geht es trotz des Kaiserschnittes gut – ein Glück! Die Frau wurde aber womöglich unnötig körperlich und seelisch belastet. Die Option, bei schlechten Herztönen die Frau erst einmal auf die Seite zu legen, damit sich das Kind erholen kann und so wieder Ruhe in den Geburtsablauf kommt, wird leider seltener gewählt.

Gab es weitere Faktoren?

Ich habe immer schon gerne Geburtshilfe gemacht und habe auch Freude daran, dem Kind ohne Kaiserschnitt mit handwerklich gutem Können auf die Welt zu helfen. Zu einer guten Geburtshilfe gehören handwerkliches Können, Erfahrung und Geduld. Und dass man das, was man macht, mit Leidenschaft macht. Diese Faktoren tragen zur Senkung der Kaiserschnittrate bei.

Wenn ich als Geburtshelferin die Erfahrung machen konnte, dass Geburten fast immer gutgehen und dass ich, wenn es mal hakt, weiß, was ich tun kann, und mit einiger Erfahrung sogar fühle, was ich jetzt tun muss, ergibt sich daraus Sicherheit. Die Handgriffe für schwierigere Situationen und Notfälle kann man im Vorhinein mit professioneller Anleitung an Beckenmodellen mit Puppen üben und regelmäßig trainieren. Das trägt zum Angstabbau und zum souveränen Handeln in Notfällen bei. Wir machen das Training beispielsweise in zwei Teams, die jeweils bestimmte schwierige Geburtssituationen durchspielen und dann gemeinsam darüber diskutieren, was geht und was nicht. Das erhöht die Sicherheit, dass viele vaginale Geburten mit dem richtigen handwerklichen Können gutgehen können.

Es ist sicher nicht gut, dass wir die Geburtshilfe immer von den schrecklichen Notfällen her aufrollen und die Geburtshilfe quasi als Abwendung von Katastrophen sehen. Wir sollten in erster Linie die natürlichen  Abläufe anschauen und verstehen und erst dann von außen eingreifen, wenn der natürliche Ablauf nicht mehr klappt. Wenn man gedanklich immer vom Schlimmsten ausgeht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das auch irgendwann das Handeln bestimmt und man damit dazu beiträgt, den natürlichen Geburtsprozess durcheinanderzubringen.

Wie lässt sich das in der Praxis umsetzen?

Indem wir wieder das Vertrauen schaffen und festigen, dass die Geburt im Normalfall gutgeht. Dieses Vertrauen fehlt vielen Geburtshelferinnen und Geburtshelfern und auch vielen Frauen. Und falls es da ist, wird es untergraben. Was hat die Schwangere zum Beispiel davon, wenn sie aufgrund eines neuen Labortests in der 10. Schwangerschaftswoche weiß, dass sie das Risiko einer Präeklampsie hat? Es überschattet ihre Schwangerschaft. Machen kann man nichts und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass sie keine Präeklampsie bekommt. Sollte sich doch eine entwickeln, können wir das rechtzeitig erkennen und handeln. Sie bräuchte sich also keine Sorgen zu machen. Weil sie bei dem Test diese Botschaft aber nicht bekommt, fühlt sie sich wie auf einer Zeitbombe und wird unsicher. Vertrauen in den Geburtsmechanismus und Übung – das sind die Stichworte.

Ihre Kaiserschnittrate ist wieder leicht angestiegen. Wo liegen die Gründe dafür?

Die Rate liegt derzeit bei etwa bei 22,5 Prozent. Im Sommer 2015 waren es 20 Prozent. Die Rate hat sich durch die vielen Flüchtlingsfrauen, die zu uns kommen, erhöht. In etlichen Herkunftsländern wie zum Beispiel Syrien liegt die Sectio-Rate bei über 40 Prozent. Da die von dort kommenden Frauen in der Regel mehrere Kinder bekommen, haben wir medizinisch ein großes Problem. Nicht selten sehe ich Sectio-Narben, deren Zustand eine Gefahr für die nächste Schwangerschaft bedeutet. Manchmal ist die Plazenta so in der Narbe festgewachsen, dass die Gefahr einer Uterusruptur tatsächlich gegeben ist. Da kann man keine Vaginalgeburt mehr empfehlen. Ich hatte gerade den Fall einer 22-jährigen Frau, die in der 25. Schwangerschaftswoche ihr Kind verloren hat. Die Plazenta war ganz festgewachsen. Sie hat schon zwei Mädchen mit Kaiserschnitt bekommen und möchte nun unbedingt noch einen Sohn. Der Ehemann entscheidet darüber. In diesem Fall sind die vorangegangenen Kaiserschnitte und der Zustand der Gebärmutter wirklich gefährlich für die junge Frau.

Es gibt in den Herkunftsländern oft nur wenige Hebammen und die Frauen finden schwer jemanden, der sie bei einer normalen Geburt begleitet. Viele der Flüchtlingsfrauen wissen nicht, warum die Sectio gemacht wurde. Sie haben wenig Möglichkeiten, mitzuentscheiden.

Hat sich durch die Senkung der Sectio-Raten die Zahl der vaginaloperativen Geburten erhöht?

Nur geringfügig. Wir haben etwa 7 Prozent Saugglocken- und 1 Prozent Zangengeburten.

Welche Gründe für eine Sectio sind weggefallen? Welche bleiben?

Hauptsächlich weggefallen sind die ungeplanten Kaiserschnitte. Die häufigste Indikation bei uns ist der Zustand nach Kaiserschnitt. Häufig kommen die Frauen vorinformiert von Frauenärztinnen und -ärzten, die selbst noch gelernt haben: Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt. Oder die Frauen haben Angst vor den Schmerzen oder haben schon eine traumatische Geburt erlebt. Sie möchten häufig eine Sectio. Dann wäre es besonders wichtig, der traumatischen Erfahrung eine neue, gute Erfahrung entgegenzusetzen. Hier kann man durch Gespräche Ängste entkräften. Das geht allerdings nicht immer, wie im Beispiel der 22-jährigen Frau aus Syrien mit schlecht verheilten Kaiserschnittnarben.

Wie wirkt sich die gesunkene Sectio-Rate auf das Team aus? Wie stehen Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Ihrem Vorgehen?

Für die Hebammen ist es auf alle Fälle eine große Erleichterung. Wir haben sehr selbständige Hebammen mit langer Erfahrung, die die flachen Hierarchien schätzen und es begrüßen, dass viele Entscheidungen im Team getroffen werden. Die Hebammen sind gleichberechtigt und sehen es auch als ihren Job an, jungen Assistentinnen und Assistenten, die weniger Erfahrung haben, etwas beizubringen und sie mit anzuleiten. Von den meisten jungen Ärztinnen wird das akzeptiert, manchen Männern fällt es nicht immer leicht, die Hebammen als gleichberechtigt zu akzeptieren.

Am meisten hat sich die Einstellung verändert, die Geburt nicht per se mit Risiko und Katastrophe gleichzusetzen. Es hat sich eine grundsätzlich positive Grundhaltung entwickelt. Bei einer normalen Geburt muss man nicht viel machen. Da sein und Ruhe bewahren. Die Geburtshelferinnen und -helfer haben nicht mehr den Druck, auf alle Fälle etwas tun zu müssen, auch wenn es nicht nötig ist.

Einige Kliniken mit niedriger Kaiserschnittrate führen das unter anderem darauf zurück, dass die Chefärzte sich hauptsächlich auf die Geburtshilfe konzentrieren und es immer auch eine Oberarztpräsenz gibt. Wie ist das bei Ihnen?

Das ist in jedem Fall gut. Wir bekommen das aber nicht bezahlt, dazu ist unsere Klinik mit 870 Geburten zu klein. Wir machen den Hintergrunddienst von zuhause aus, allerdings sind alle in zehn Minuten einsatzbereit im Kreißsaal. Der Hintergrunddienst ist dann für den kommenden Tag verantwortlich für den Kreißsaal. Damit der Hintergrunddienst klappt, ist es wichtig, dass die Assistenzärztinnen und -ärzte und die Hebammen wissen, sie werden nicht runtergemacht, wenn sie den Oberarzt rufen. Früher hatte man große Angst, ihn anzurufen.

Viele Klinikärztinnen und -ärzte beklagen, dass die Niedergelassenen die Schwangeren schneller in Richtung Kaiserschnitt beraten, diese Einschätzung aber nicht immer mit der Klinikeinschätzung übereinstimmt. Die Frau wird dadurch verunsichert und sucht dann den scheinbar risikoloseren Weg, den Kaiserschnitt. Wie ist bei Ihnen die Zusammenarbeit?

Die Zusammenarbeit zwischen den niedergelassenen Frauenärztinnen und -ärzten und der Klinik ist auch bei uns noch nicht optimal. Wir bemühen uns sehr um Kontakt und organisieren auch Fortbildungen mit sehr guten Referentinnen und Referenten, zu denen auch die Niedergelassenen eingeladen werden. Allerdings kommen nur wenige, vielleicht zehn Prozent, das ist schon etwas frustrierend. Es ist ja auch gerade für die niedergelassenen Gynäkologinnen und Gynäkologen, deren Ausbildung teilweise länger zurückliegt, sehr wünschenswert, neuere Entwicklungen zu kennen und gemeinsam zu besprechen. Die Schwangere profitiert davon, wenn die Niedergelassenen und die Klinik auf dem gleichen fachlichen Stand sind.

Viele gerade jüngere niedergelassene Kolleginnen und Kollegen wollen nach der Praxisarbeit zu ihren Familien nach Hause, besonders wenn sie nicht am Ort wohnen. Die Bereitschaft, sich außerhalb der Arbeitszeit zu engagieren, ist derzeit oft aus familiären Gründen leider sehr gering.

Gab es Schwierigkeiten mit der Klinikleitung durch die sinkenden Kaiserschnittraten und fehlenden Einnahmen?

Nein. Schwierigkeiten kommen eher von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, oft auch von Gynäkologinnen und Gynäkologen in Teilzeitarbeit. Sie haben meist nicht ausreichend Erfahrung mit Geburten, weil sie vielleicht nur zwei Nachmittage in der Praxis angestellt sind. Nicht selten werden Kaiserschnitt-Indikationen aufgrund mangelnder Erfahrung mit der Normalgeburt und einem daraus resultierenden „unguten Gefühl“ gestellt. Ich kann verstehen, dass man manchmal nervös wird. Aber das sollte man nicht gleich der Frau mitteilen, sondern erst einmal für sich selbst klären, was liegt vor, und dann die Konsequenz ziehen. Manchmal ist es aber auch schlicht ein Machtproblem: Wer hat zu bestimmen, was mit der Frau passiert?

Wo sind die wichtigsten Stellschrauben, um etwas zu verändern?

Die Finanzierung in der Geburtshilfe. Das Vergütungssystem. Das Risiko ins Zentrum stellen und aus allem eine Krankheit machen, das bringt Geld. Diese Art der Finanzierung des Gesundheitswesens muss geändert werden. Es ist ein katastrophales Signal, wenn es viel Geld in die Kasse bringt, eine Frühgeburt möglichst früh zur Welt zu bringen, und wenig, wenn die Schwangere möglichst lang begleitet wird, um das Kind im Mutterleib zu halten. Das heißt, wer möglichst früh und möglichst invasiv eingreift, verdient das meiste Geld. Eine normale Schwangerschaft bringt nicht so viel Geld wie eine Risikoschwangerschaft. Wenn Geburten pauschal und Kaiserschnitt und Vaginalgeburt gleich bezahlt würden, fiele das Signal weg, je mehr man eingreift, auch unnötig, desto lukrativer ist die Geburtshilfe.

Das Interview wurde geführt von Petra Otto.

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