AKF-Projekt: Interviews mit Klinikärztinnen und -ärzten zum Kaiserschnitt: Was zeigen die Interviews?

Was zeigen die Interviews?

In den Interviews wird deutlich: Die hohen Kaiserschnittraten in Deutschland sind kein notwendiges Ergebnis von objektiven medizinischen Bedingungen, die die Frauen mitbringen, z.B. bestimmte körperliche Voraussetzungen oder das gesundheitliche Befinden des Ungeborenen, wie dies häufig im medizinischen Kontext und in den Medien nahegelegt wird. Diesen Erklärungsansätzen stehen die auffallend unterschiedlichen Sectio-Raten in verschiedenen Kliniken und Bundesländern gegenüber. Dass Kliniken mit ähnlichen Risikoprofilen bei Schwangeren so stark divergierende Raten haben, lässt eher auf einen großen Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum der Ärztinnen und Ärzte schließen, mit der jeweiligen Frau, dem jeweiligen Kind und dem daraus resultierenden individuellen Geburtsverlauf umzugehen. Der „human factor“ scheint einen starken Einfluss zu haben. Dies legt auch die Einschätzung der befragten Ärzte und Ärztinnen nahe, die die früher sehr viel höheren Kaiserschnittraten in ihrer Klinik weniger auf objektive Bedingungen als auf eine gewisse Voreinstellung der Geburtshelfer und -innen zugunsten des Kaiserschnitts zurückführen.

Wie schon in der Befragung des AKF von 2013 (Otto, Wagner) wurden auch in den vorliegenden Interviews mangelnde Ausbildung sowie fehlende Kenntnisse und Fertigkeiten („das gute Handwerk“) der Fachärztinnen und -ärzte bzgl. des Verlaufs einer physiologischen Geburt bemängelt. Deshalb sehen die befragten Chefärztinnen und –ärzten als eine ihrer wesentlichen Aufgaben, eine gute Ausbildung im handwerklichen Sinne zu gewährleisten und  Vertrauen in die natürliche Geburt zu vermitteln, aber auch ihren Assistenzärztinnen und -ärzten Rückendeckung (ihr „breites Kreuz“) zu geben. Wenn klar ist: Der Chef steht hinter uns und hilft,  falls etwas nicht planmäßig läuft und wir nicht mehr weiterwissen – dann steigt der Mut, den eingeschränkten Pfad der Defensivmedizin zu verlassen und sich auf die Bedürfnisse der Frau einzulassen. Das wiederum ist nur möglich, wenn die „sprechende Medizin“ ernstgenommen wird, d.h. wenn vor der Geburt ausreichend Zeit ist, über die Bedürfnisse der Frau (und ihres Partners) zu sprechen und einen individuellen Weg für ihre Geburt zu entwickeln.

Ein weiteres Anliegen einiger der interviewten Ärztinnen und Ärzte ist die Etablierung von gemeinsamen Qualitätszirkeln von Klinikerinnen, Klinikern und Niedergelassenen, um ein möglichst abgestimmtes Vorgehen bei der Schwangerenbetreuung zu gewährleisten. 42 Prozent der Schwangeren nehmen acht bis elf Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch, rund 39 Prozent zwölf und mehr (IQTIG 2015), hinzu kommen Kurse und IGeLeistungen. Zusammengenommen tun also in der Schwangerenbetreuung viele Fachkräfte viel, das Viele addiert sich aber nicht immer zum Wohle der Frauen und Neugeborenen. Hier könnte eine Abstimmung der Hauptverantwortlichen in Qualitätszirkeln dazu beitragen, die Verunsicherung der Schwangeren durch zu viele unterschiedliche Informationen zu mindern.

Alle befragten Ärztinnen und Ärzte betonten, dass sie sich in einem permanenten persönlichen und Team-Lernprozess befinden, in dem sie ihre Arbeit und ihre Einstellungen auf den Prüfstand stellen. Gemeinsame kritische und konstruktive Selbstreflexion des ärztlichen Denkens und Handelns scheint eine wichtige Grundvoraussetzung für gute frauen- und kinderfreundliche Geburtshilfe zu sein.

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