Hormonspirale und Panikattacken

Dass die Verhütung mit einer Hormonspirale mit Stimmungschwankungen und depressiven Verstimmungen einhergehen kann, ist seit vielen Jahren bekannt (ACOG Bulletin, 2017). Die Hersteller, Jenapharm, bzw. Bayer, geben dies in der Gebrauchinformation der Mirena an. Depressive Verstimmung oder Stimmungsschwankungen sind eine in der Fachinformation häufig genannte Nebenwirkung, die 1 bis 10 Anwenderinnen von 100 betrifft (Jenapharm, 2018). Wie Nebenwirkungen im Beipackzettel zu verstehen sind, siehe Mühlbauer (2019) und die Gesundheitsseite der Hamburger Universität.
Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ging 2019 ausführlich auf die dänische Studie zu Depressionen und Suizidalität und hormonelle Kontrazeptiva ein und bewertete ihre Wirkungen. In einem Rote-Hand-Brief gab sie einen Warnhinweis zu Suizidalität als mögliche Folge einer Depression unter der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva.
Nun informiert das arznei-telegramm über ein deutliches Risikosignal des Pharmakovigilanzzentrums der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass bei Frauen mit eingesetzter Hormonspirale Panikattacken auftreten.

Panikattacken unter Levonorgestrel-IUP (Mirena u.a.)

Panikattacken sind eine bislang kaum bekannte Störwirkung von Levonorgestrel-Intrauterinpessaren (IUP; MIRENA u.a.), die zur Empfängnisverhütung und zum Teil auch bei Hypermenorrhö zugelassen sind. Ein deutliches Risikosignal kommt jetzt aus dem Pharmakovigilanzzentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Uppsala.1 Bis November 2018 sind der WHO 602 Berichte zu Panikattacken aus 22 Ländern Europas, Amerikas u.a. zugegangen. Überwiegend stammen sie von Betroffenen (80%), zu 12% von Ärzten. Die Frauen sind zwischen 17 und 60 (im Median 33) Jahre alt. Die Beschwerden treten bisweilen bereits zwei Wochen nach Einlage des IUPs auf, im Median nach fünf Monaten. Fast immer (98%) ist das Levonorgestrel-IUP das einzige verdächtigte Arzneimittel. Oft wird gleichzeitig über weitere psychiatrische Beschwerden wie Depression oder depressive Verstimmung, Angst, Stimmungsschwankungen und/oder Suizidgedanken berichtet.1

Die Panikattacken werden in 62% der Berichte als schwer eingestuft und können die Lebensqualität stark beeinträchtigen: Beispielsweise war eine 37-jährige Frau mehr als ein Jahr lang in psychiatrischer Behandlung, da der Gynäkologe keinen Zusammenhang zwischen IUP und Panikattacken sah. Bei einer 29-Jährigen wurde Burnout diagnostiziert. Sie war zwei Jahre lang arbeitsunfähig. Bei beiden Frauen – und auch anderen – besserten sich die Beschwerden nach Entfernen des IUPs.1

Der Pharmakovigilanzausschuss (PRAC) der europäischen Arzneimittelbehörde EMA hat 2017 aufgrund einer Initiative aus Deutschland die für Levonorgestrel-Spiralen vorliegenden Daten zu Panikattacken und anderen psychiatrischen Störungen überprüft. Damals stufte er die Evidenz als nicht ausreichend ein, um die Störwirkungen in die Produktinformationen aufnehmen zu lassen.2 In den Fachinformationen von MIRENA3 und anderen IUP fehlen somit Hinweise auf Panikattacken, Angst, Ruhelosigkeit u.a., während Depression „als allgemein bekannte“ Störwirkung hormoneller Kontrazeptiva genannt wird. In der atd Arzneimitteldatenbank verweisen wir seit gut einem Jahrzehnt auf Panikattacken und Angst als mögliche unerwünschte Wirkungen der Hormonspiralen mit Link zu einer Mitteilung der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Dort werden psychiatrische Erkrankungen, darunter „Panikattacken und Angst (n = 35)“, mit dem Levonorgestrel-IUP MIRENA in Verbindung gebracht.4

Angesichts der mehr als 600 Berichte zu auch schweren, die Lebensqualität beeinträchtigenden Panikattacken in Verbindung mit Levonorgestrel-Spiralen sollten Patientinnen und Ärzte in den Produktinformationen über die vorhandenen Risikosignale informiert werden, auch um die Gefahr von unnötigen Behandlungen aufgrund Unkenntnis der psychiatrischen Störwirkungen zu verringern, –Red.

  1. SOLLENBRING, E.: WHO Pharmac. Newsl. 2019; Nr. 6: 12-7
  2. EMA/PRAC: Minutes of the meeting 23-26 Oct. 2017: S. 20, Mitteilung vom 30. Nov. 2017; http://www.a-turl.de/?k=uerb
  3. Jenapharm: Fachinformation MIRENA, Stand Dez. 2018
  4. AkdÄ: Dt. Ärztebl. 2009; Nr. 5: 235; http://www.a-turl.de/?k=uers

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet. © 2020 arznei-telegramm, publiziert am 21. Februar 2020

Wiedergabe an dieser Stelle mit Dank an und mit freundlicher Genehmigung des arznei-telegramm. 

Geschäftsstelle

Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF)
Sigmaringer Str. 1
10713 Berlin

Telefonzeiten:
Montag bis Freitag
10 bis 12 Uhr
Tel.: 030 – 863 933 16
Fax: 030 – 863 934 73
E-Mail: buero@akf-info.de

Social Media