Hohe Kaiserschnittrate – Blick über die Grenzen

kaiserschnitt-kampagnevon Dr. med. Antje Huster-Sinemillioglu, Mitglied des Vorstands im AKF

Der AKF hat im Frühjahr seine Kampagne zur Senkung der- mit über 30 % sehr hohen – Kaiserschnittrate in Deutschland gestartet.

Interessant ist ein Blick in die Türkei, wo dieses Thema auch in der Diskussion ist – allerdings unter ganz anderen Vorzeichen läuft.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich in letzter Zeit mehrfach zu FrauenThemen geäußert. Mit seiner Verurteilung von Abtreibung als Mord hat er über die Grenzen der Türkei hinweg Empörung hervorgerufen. (Der AKF hatte sich, wie berichtet, einem Protestaufruf der türkischen Frauenbewegung angeschlossen.)
Die hohe Rate an Kaiserschnitten in der Türkei hat Erdogan ebenfalls zum Thema gemacht. Im Juli 2012 ließ er vom türkischen Parlament ein Gesetz verabschieden in dem festgelegt ist, dass ein Kaiserschnitt nur durchgeführt werden kann, wenn er „notwendig“ ist.

Dieser Vorstoß des Ministerpräsidenten überrascht auf den ersten Blick. Stärkt er hier unerwartet Frauenrechte?

In ihrer Wochenendbeilage DAILY News vom 21./22. Juli.2012 veröffentlichte die türkische Tageszeitung Hürriyet zu diesem Thema ein Interview mit dem Istanbuler Vorsitzenden der Türkischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. Atil Yüksel.
Dieser berichtet, dass unter der Gesundheitsreform der regierenden Partei von Ministerpräsident Erdogan, AKP, die Zahl der Privatkliniken zugenommen hat und parallel auch die Kaiserschnittrate von 21% im Jahre 2003 auf 48% im Jahre 2011 angestiegen ist. Yüksel betont in dem Interview vorsichtig und gleich mehrfach, dass man von einer parallelen Entwicklung sprechen muss, dass aber nicht nachgewiesen ist, was ursächlich für diese Entwicklung ist. Allerdings berichtet er, dass in öffentlichen Krankenhäusern die Steigerung der Kaiserschnittrate nicht so hoch wie in den privaten sei. Das zeigen auch die in den Deutsch Türkischen Nachrichten veröffentlichten Zahlen:

„Der Trend ist vor allem in den letzten Jahren zu beobachten: In öffentlichen Krankenhäusern lag die Rate der Kaiserschnitte im Jahr 2009 bei 39.3 Prozent. In Privatkrankenhäusern erfolgten gar 61.8 Prozent der Geburten auf diesem Weg. Noch höher war der Prozentsatz mit 63.2 in Universitätskrankenhäusern. Im Jahr 2010 stiegen die Zahlen erneut auf 40.2 Prozent, 63.7 Prozent und 65.2 Prozent. Etwas anders dann die Verteilung im vergangenen Jahr: 36,8 Prozent aller Geburten in öffentlichen Krankenhäusern waren ein Kaiserschnitt, 66.6 Prozent fanden in privaten Krankenhäusern statt und 65.9 der Geburten in Universitätskrankenhäusern erfolgten via Skalpell.“[1]

Yüksel nennt als einen möglichen Grund für die hohe Sectio-Rate die exponentielle Steigerung von Klagen gegen Geburtshelfer/innen auf Entschädigungszahlungen und die Tatsache, dass ein Kaiserschnitt heutzutage eine weniger riskante Operation ist als noch vor 20 oder 30 Jahren.

Yüksel wendet sich gegen das vom Parlament verabschiedete Gesetz, das den Kaiserschnitt zur Ausnahme machen soll. Eine solche, gesetzliche, Regelung sei einmalig in der Welt! Yüksel fragt sich, wie Juristen den Begriff der „Notwendigkeit“ interpretieren werden. Er befürchtet, das Ärzte in Zukunft in ihren Entscheidungen verunsichert werden, wenn ein Kaiserschnitt nicht unbedingt notwendig sei, aber doch aus medizinischer Sicht Sinn mache.

Es ist bemerkenswert, wie sich Entwicklungen und einige Aspekte der Diskussion in der Türkei und in Deutschland ähneln. Allerdings wird das Thema in der Türkei von einem Ministerpräsidenten auf die Tagesordnung gebracht, der an anderer Stelle die Frauen dazu drängt, mindestens 3 Kinder zu gebären, um für das nötige Bevölkerungswachstum zu sorgen und der annimmt, dass nach 2 Kaiserschnitten eine erneute Schwangerschaft nicht mehr möglich ist. [2]

Eine solche Gängelung der Frauen durch die Politik, die ihnen die Zahl der zu gebärenden Kinder vorgibt, ebenso wie die Art, wie diese Kinder zu gebären sind, ist empörend!

Unsere Kampagne gegen die hohe Kaiserschnitt-Rate hat genau das Gegenteil zum Ziel: die Unterstützung der Frau, sodass sie möglichst eine natürliche Geburt erleben kann, – aber oberstes Ziel ist die Stärkung ihrer Autonomie!

[1] https://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2012/07/456222/tuerkei-kaiserschnitt-nur-noch-mit-medizinischer-indikation/ 7.10.12/11:05Uhr
[2] https://www.tagesspiegel.de/politik/erdogan-will-abtreibung-verbieten/6701744.html 15.10.2012,15:50 Uhr

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