Stellungnahme von AKF und DGPFG zur fragwürdigen Renaissance der Hormontherapie

Die vielen aktuellen Äußerungen in den frauenärztlichen Medien, die eine „Renaissance der Hormontherapie“ begrüßen, haben uns veranlasst, zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe e. V. (DGPFG) kritisch Stellung zu nehmen. Wir fordern: Evidenzbasierte Indikationsstellung statt Medikalisierung. Unsere Stellungnahme wurde direkt an die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG) und den Berufsverband der Frauenärzte (BVF) versandt, verbunden mit dem Wunsch, sie im nächsten FRAUENARZT, dem offiziellen Organ des Berufsverbandes der Frauenärzte, zu publizieren, damit auch eine andere Sicht der Dinge in die öffentliche Diskussion gelangt.

Stellungnahme

Hormontherapie in den Wechseljahren: Evidenzbasierte Indikationsstellung statt Medikalisierung

Schon wieder proklamieren Hormonbefürworter in der DGGG und im BVF eine Renaissance der HRT! Mangels neuer Studienergebnisse generalisieren sie eine einfache Meinungsäußerung von US-ameri­kanischen Forscher_innen, als wäre sie ein Paradigmenwechsel.

Dabei beziehen sich die WHI-Koautor_innen Joann E. Manson und Andrew M. Kaunitz speziell auf amerikanische Verhältnisse, wenn sie eine Untertherapie feststellen. Ihrer Ansicht nach ist eine Hormontherapie indiziert für Frauen mit mittleren bis schweren klimakterischen Symptomen. Sie gehen davon aus, dass etwa 20% der Frauen in der frühen Menopause behandlungsbedürftig sind.

In Deutschland wurden im Jahre 2001, also vor Veröffentlichung der WHI, etwa 40% der Frauen zwischen 50 und 70 Jahren mit Hormonen behandelt. Im Jahre 2007, also 5 Jahre nach der WHI war die Behandlungsrate auf 20-25% gesunken. Es kann also nicht die Rede davon sein, dass „Millionen Frauen unnötig leiden müssen“. Im Gegenteil, der Statistik zu Folge werden eher mehr als die 20% Frauen behandelt. Passend dazu zeigt eine repräsentative Untersuchung deutscher Frauen aus dem Jahr 2012, dass etwa 22% der Frauen unter deutlichen bis schweren sogenannten Wechseljahres­symptomen leiden (Weidner et al., 2012).

Die WHI-Studie wurde in Deutschland auch nie als Argument benutzt, Frauen mit Wechseljahres­beschwerden eine effektive Therapie vorzuenthalten. Im Gegenteil, sowohl die S3-Leitlinie von 2009 als auch seriöse Publikationen weisen immer wieder darauf hin, dass es in der WHI um Nutzen und Schaden einer Langzeitbehandlung mit Hormonen aus präventiven Gründen ging und eben nicht darum, die Behandlung von klimakterischen Beschwerden zu bewerten. Kritisch wurde immer nur eine Behandlung gesehen, die „prophylaktisch“ durchgeführt werden sollte. Der Altersdurchschnitt von 63 Jahren in der WHI ist dem Ziel der Studie vollständig angemessen.

Mit der Botschaft, dass das absolute Risiko für unerwünschte Ereignisse bei jüngeren Frauen, also unter 60 Jahren, niedriger ist als für ältere Frauen über 60 Jahren, erfahren wir nichts Neues. Das ist überhaupt die Basis, Frauen Hormone gegen Wechseljahresbeschwerden zu verordnen. Allerdings lassen es die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu, wenn unsere Fachgruppenvertreter aus dem Plädoyer für die Behandlung mittlerer bis schwerer klimakterischer Beschwerden gleich wieder eine Indikation für die „jahrelange Substitution, sofort nach Beginn des Mangels“ machen. Die Diktion verrät: Sie haben aus der WHI-Studie nichts gelernt. Sie ignorieren dabei aber auch, wie Frauen heute mit ihren Wechseljahren umgehen wollen, nämlich selbstbestimmt und individualisiert ;und dass sie eine kompetente psychosomatische Begleitung wollen und zu schätzen wissen, die viel mehr bein­haltet als eine einseitige Hormonersatz-Therapie (Schumann et al.2011).

Schließlich beklagen die amerikanischen Forscher_innen, dass junge Ärzt_innen nach der WHI nicht mehr gelernt hätten, klimakterische Beschwerden effektiv zu behandeln. Sie beziehen ihre Begrün­dung aus einem Trainingsprogramm für junge Internist_innen. Es ist ohne Frage wichtig, Ärzt_innen jeder Fachrichtung in Themen der Frauengesundheit zu unterrichten. Aber unsere hiesigen Fach­verbände instrumentalisieren diese ehrliche Analyse der amerikanischen Verhältnisse und bringen niedergelassene Frauenärzt_innen in Misskredit.

Sowohl AKF e.V. als auch DGPFG verfügen über große Fachexpertise, gerade im gynäkologisch-geburtshilflichen Fachgebiet. Die sich regelmäßig wiederholenden manipulativen Äußerungen von Vertretern der wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGGG und des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) speziell zum Thema Hormontherapie in den Wechseljahren sind irreführend (arznei-telegramm 6/2016). Die vielen Fachkolleg_innen, die ihre Patientinnen mit großem Engagement versorgen, haben Besseres verdient, nämlich eine zuverlässige evidenzbasierte Informationspolitik.

28.6.2016

Für den AKF:
Dr. med. Dagmar Hertle (1. Vorsitzende)
Dr.med. Antje Huster-Sinemillioglu (Sprecherin der Fachgruppe, Beisitzerin)
Für die DGPFG:
Dr. med. Wolf Lütje (Präsident)
Dr. med. Claudia Schumann (Vizepräsidentin)
Prof. Dr. med. Kerstin Weidner (Wiss. Beirat)

Quellenangaben nur im pdf

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Stellungnahme Hormontherapie in den Wechseljahren: Evidenzbasierte Indikationsstellung statt Medikalisierung (pdf)

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