Statement des AKF zur Auseinandersetzung um die S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen
Der AKF beschäftigt sich mit Themen der Frauengesundheit unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und hat daher mit großer Freude die Veröffentlichung der S3-LL Stilldauer und Interventionen zur Kenntnis genommen.
Zahlreiche Studien belegen den gesundheitlichen Mehrwert des Stillens für Frauen, wie die Leitlinie eindrucksvoll darstellt. In Übereinstimmung mit den Empfehlungen der WHO empfiehlt die Leitlinie: „Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten 6. Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden.“ Damit wird die bislang in Deutschland geltende Meinung, eine Stilldauer von 4 Monaten sei ausreichend, abgelöst. Um so mehr verwundert, dass im Nachgang zur Veröffentlichung der Leitlinie ein Artikel in einer Zeitschrift des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen erschien, der die Leitlinienempfehlung massiv kritisiert. Als Begründung der Kritik wird u.a. aufgeführt, dass in der Leitlinienerstellung „die Induzierung mütterlicher Schuldgefühle mit mentalen Belastungen für Mutter und Kind“ nicht berücksichtigt worden sei. Aus einer nicht umgesetzten Leitlinienempfehlung „können ein erhöhtes Risiko für unbegründete Schuldgefühle, für Depressionen u.a. psychische Symptome sowie eine gestörte Mutter-Kind-Bindung resultieren“. (Koletzko, Kinder- und Jugendärztin 57. Jg. (2026) Nr. 05/26 S. 289-292).
Bereits in der Schwangerschaft müssen die Frauen umfassende und wertneutrale Informationen erhalten, damit sie eine informierte Entscheidung für oder gegen das Stillen und die Stilldauer treffen können. Dazu gehören Informationen über die Zusammensetzung von Muttermilch und Kunstmilch, gesundheitliche Vorteile des Stillens sowohl für die Mutter als auch für das Kind, Aufklärung über mögliche Stillhindernisse und deren Lösungsmöglichkeiten, Informationen über Alternativen, wenn nicht gestillt werden kann oder soll und eine gute, strukturierte und ergebnisoffene Beratung durch Fachpersonen. Eine Leitlinie kann in diesem Zusammenhang nie mehr als Orientierung bieten und Entscheidungshilfe sein. Das Festhalten an der Stilldauer von 4 Monaten allerdings damit zu begründen, dass Mütter zu hohem Druck ausgesetzt seien und psychisch zu erkranken drohen, wenn sie länger als vier Monate voll stillen, ist nicht nachvollziehbar. Evidenzen dazu fehlen.
Der AKF stellt daher fest:
Selbstverständlich hat jede Frau das Recht auf wertfreie und evidenzbasierte Information als Grundlage für eine informierte Entscheidungsfindung.
Und genauso selbstverständlich ist ihre Entscheidung zu respektieren.
Frauenärztinnen, Kinder- und Jugendärztinnen, Hebammen und andere Personen, die Mutter und Kind in der Zeit des Wochenbettes und darüber hinaus begleiten, sollten unabhängig von ihrer eigenen Überzeugung unterstützend tätig sein und sich jeglicher Form des Druckausübens enthalten.