Auch Männer kriegen Kinder: Erklärung des AKF zum Vatertag

Rund dreißig Jahre ist es erst her, dass auf Druck von Frauen und Männern durchgesetzt wurde, Vätern die Teilnahme an der Geburt ihrer Kinder zu
ermöglichen. Die Frauen waren Ende der 1970er Jahre nicht länger bereit, sich einer inhumanen Geburtshilfe zu unterwerfen, die sich in oft gefühlloser Weise über ihre und die Bedürfnisse der Kinder hinwegsetzte. Sie nahmen deshalb zur Unterstützung gegen Kreißsaalwillkür ihre Männer mit.

Dies hat u.a. zu einer Liberalisierung der Geburtshilfe, die die Bedürfnisse der Gebärenden, ihres Partners und des Kindes ernst nahm geführt. Eine weitere Folge war – wie Untersuchungen belegen – eine frühere, engere und intensivere Vater-Kind-Beziehung. Nach Schätzungen sind mittlerweile 90 Prozent der Väter bei der Geburt dabei. Genaue Zahlen liegen allerdings bisher nicht vor. Die Teilnahme der Väter ist in nur wenigen Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden. Historisch und kulturell gesehen ist dies eine außergewöhnliche Pionierleistung, denn traditionell war die Geburt eine Frauensache. Zu der sich allerdings in den letzten 200 Jahren männliche Geburtshelfer Zutritt verschafften.

Das Pioniermodell „Väter bei der Geburt“ kann in dieser Hinsicht als Erfolgsmodell bezeichnet werden. Trotzdem gibt es nach dreißig Jahren „Väter bei der Geburt“ Anlässe, Fragen zu stellen: Können wir rundum zufrieden sein, oder gibt es Gründe, die heutige Selbstverständlichkeit zu hinterfragen? Fragen richten sich dabei nicht gegen  Väter, sondern darauf, welche Voraussetzungen auf allen Seiten zu erfüllen sind, um einen guten, d.h. störungsfreien Geburtsablauf und einen guten Start in die Familie zu ermöglichen.

Zu bedenken ist:

  • „Väter bei der Geburt“ ist eine historisch neue gesellschaftliche Übereinkunft. Über ihre Wirkung auf alle Beteiligten gibt es keine Untersuchungen. In Anbetracht des tief greifenden Erlebnisses Geburt und dessen Störanfälligkeit sind diese zwingend
    erforderlich.
  • Ist die Anwesenheit des Vaters ein „Wert an sich“, den es zu erhalten gilt? Ohne, dass daraus ein Muss für jeden Vater entsteht. Schafft d
    ie väterliche Teilnahme an der Geburt eine bessere Basis für spätere einfühlsame Fürsorge für das Kind, die letztendlich auch der
    Gesellschaft insgesamt zugute kommt?
  • In diesem Zusammenhang muss diskutiert werden, ob auch in Deutschland nach schwedischem Vorbild ein Anspruch des Vaters auf 10
    Vatertage nach der Geburt gesetzlich verankert werden sollte.
  • Zwischen 30 und 80 Prozent der Väter nehmen – je nach Geburtsort (Klinik, Geburtshaus, Hausgeburt) verschieden – zumindest punktuell an Geburtsvorbereitungskursen teil oder bereiten sich durch Gespräche oder Filme auf die Geburt vor. Da rund 75 Prozent der Geburten als Risikogeburten eingestuft und bei ca. 90 Prozent medizinische Interventionen vorgenommen werden, stellt sich die Frage, wie verarbeitet der – relativ oder ganz unvorbereitete – Vater dieses Erlebnis?
  • Die Geburt ist ein im negativen wie im positiven Sinne leicht zu beeinflussendes, tief greifendes Ereignis, das eine Vorbereitung auch für
    den werdenden Vater zwingend erfordert. Die Krankenkassen sind deshalb dringend aufgefordert, Väterkurse zu finanzieren. Ihre bisherige Weigerung dies zu tun, zeigt eine Unterschätzung der Geburtsdynamik und einen fahrlässigen Umgang damit auf der Grundlage ignorierter bzw. fehlender Kenntnisse.
  • Diskutiert werden muss von Fachleuten und Frauen gemeinsam, was adäquate Vorbereitung bedeutet sowie über die Möglichkeit von Nachgesprächen über das Geschehen bei der Geburt.
  • Da die jetzigen Väter überwiegend die Erfahrung einer interventionsreichen Geburt machen, fehlt ihnen das Wissen über eine „Normalgeburt“. Darüber, welche Konsequenzen das für sie und für die Geburtshilfe hat, muss ebenfalls diskutiert werden.

Werdende Mütter und werdende Väter sitzen im gleichen Boot, wenn es um Geburt geht. Es geht um die seelische und körperliche Gesundheit der Partnerin und des Kindes und um das seelische Erleben des werdenden Vaters.

In Anbetracht der gegenwärtigen hochtechnisierten Geburtshilfe und von 30 Prozent Kaiserschnitten drängt sich deshalb eine alte Idee wieder auf: Weltweit wünschen sich Frauen eine natürliche Geburt mit professioneller Unterstützung ohne medizinische Interventionen. Sollten die werdenden Väter nicht, wie schon vor dreißig Jahren, ihre nun fast schon traditionelle Aufgabe wahrnehmen und durch eine gute Vorbereitung auf die Geburt wieder einmal, gemeinsam mit den Frauen, Schwangere und Gebärende und ihre Kinder vor unnötigen medizinischen Interventionen schützen und damit zu einer neuen Humanisierung beitragen?

Der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft (AKF) e.V. regt an, in dieser Richtung weiter nachzudenken, zu forschen und politisch aktiv zu werden.

Download

Auch Männer kriegen Kinder: Erklärung des AKF zum Vatertag am 1. Mai 2008 (pdf)

Geschäftsstelle

Logo Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF)

Sigmaringer Str. 1; 10713 Berlin
Telefonzeiten:
Montag, Dienstag und Freitag
11 bis 15 Uhr und
Donnerstag von 10 bis 13 Uhr
Tel.: 030 – 863 933 16
Fax: 030 – 863 934 73
E-Mail: buero@akf-info.de

Social Media